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Montag, 21. Dezember 2015

Beinwickel - ein Experiment

Beim weben am Gewichtswebstuhl ist eine Borte als technische Kante hilfreich.
Diese Borte kann Brettchengewebt, oder Ripsgewebt sein, und jeder Schussfaden  im Band ist zugleich Kettfaden im späteren Tuch. Später wird dieses Band samt Kette oben am Gewichtswebstuhl angebracht. Am fertigen Gewebe hat man später schon 3 versäuberte Webkanten, statt wie beim Flachwebstuhl nur 2 versäuberte Kanten und zwei Schnittkanten.
Bei den sogenannten Prachtmänteln, wird die 4te Kante ebenfalls mit einer Borte versäubert, 2 seitliche Borten sind Zierde.

Der Gedanke, das am Beginn eines Beinwickels eine Borte gewesen sein könnte, hat mich zu einem Experiment bewegt, bei dem ich die technische Anfangsborte verlängert habe, so das die Bindebänder schon fest am Gewebe dran sind.





So weit meine Theorie.

Die Umsetzung:

Da ich keinen Gewichtswebstuhl besitze, habe ich zuerst die Beinwickel gewebt, und die Borte nachträglich angewebt.
Das Garn ist ein naturfarbenes einfädiges Industriegarn aus recht groben Schafshaaren, das zur Stabilität nachgesponnen ist. Das Garn hat eine S Spinnung
Das Schussgarn für das Hauptgewebe ist in Z Richtung handgesponnen.
Die Bindung ist Fischgrat, die Farbtöne sind mit Absicht dunkel ohne starken Kontrast gewählt und sollen später zur Ausstattung des einfachen Slawen passen.
zum einfachen Slawen bitte runter scrollen

Ein Blick auf das Gewebe in (unterschiedlicher) Vergrößerung :




Hier ein fertiger Wickel mit Borte, die Kettfäden der Borte sind an jedem Ende durch 2 geflochtene Zöpfchen gesichert.




























Hier die Wickel an meinem Modell vor Ort, das Bild ist improvisiert, Schuhe und Socken passen zeitlich nicht.

Nun müssen sich die Wickel samt Bänder beim zukünftigen Besitzer bewähren, um im Langzeittest zu sehen, ob es eine gute Idee war, das technische Band zu verlängern.

Denkbar ist - da Wadenwickel über einen langen Zeitraum, von vieles verschiedenen Volksgruppen getragen wurden - das es Modeströmungen und recht unterschiedliche Varianten gab, sie zu tragen. In manchen Gräbern finden sich kleine Metallhäkchen, die möglicherweise solche Wickelbänder verschlossen haben, in anderen fehlen sie im Fundgut.

Montag, 14. Dezember 2015

Anleitung zur Schnittmuster Erstellung einer Hose nach Art der Damendorfhose

Immer wieder werde ich nach dem Schnitt der Damendorfhose gefragt, darum versuche ich mich an einer Anleitung. Vorneweg - der Weg zum Schnittmuster ist steinig. Jeder Körper ist anders, das Schnittmuster an sich, hat seine Tücken in Form der Dreiecke.
Ich bin keine Schneiderin, keine Fachfrau, keine Expertin, sondern Laie. Wenn Ihr Fehler findet bitte ich um Nachricht, damit sie nicht unnötig verbreitet, sondern berichtigt werden.

Zu Beginn wird der zukünftige Träger der Hose sorgfältig vermessen.

Und zwar:
(Nummerierung siehe Bild weiter unten)
  • 1 + 10 Hüftumfang
  •  2 Strecke unterhalb vom Po bis über den Po, etwa bis zur Höhe des Bauchnabel
  • 5 Mitte Oberschenkel
  • 6 Knie an der stärksten Stelle
  • 7 Fuß an der dicksten Stelle/ von der Ferse diagonal zum bis vorn über den Fuß = untere Weite des Hosenbeins
  • 4 Schritt bis Fußsohle
  • 8 Hüfte bis Fußsohle
  • *Fußsohle bis Knie
  • *Fußsohle bis Mitte Oberschenkel
  • *Ab Po bis halbe Brust, ab dem Punkt vom Vorposten
Die Maße mit Sternchen werden benötigt um im Schnittmuster die Messpunkte an der richtigen Postion zu haben.
Hilfreich ist es, sich eine Zeichnung vom Körper zu machen und die Maße darauf zu notieren.

Hier die Schnitteile der Original Hose, wegen Bildrechte nachgezeichnet :

Nun gehts los. Ihr braucht eine Art Schnittmusterpapier -  Packpapier oder Renovierfolie geht wunderbar.
Eine Holzleiste mit einem Papiermaßband aus dem Möbelhaus oder Baumarkt beklebt, ergibt ein wunderbares Riesenlineal.

Den Hüftumfang durch 3 teilen und aufrunden, eine Bequemlichkeitszugabe dazu, und ihr habt das Maß 1 und 10.

Beginnen wir mit dem Bein.
Anders als bei heutigen Hosen besteht das Bein nicht aus 2 Schnitteilen sondern nur einem, das das ganze Bein umschließt.
Auf dem zukünftigen Schnittmuster wird das Maß 1 eingezeichnet, dann das Maß 8. Die anderen Maße ein zeichnen.
Ein Maß fehlt, da habe ich getrickst, die Kurve für den Schritt habe ich frei Schnauze gezeichnet, anders wusste ich mir nicht zu helfen.
Für die Innenlinie nun die Maße verbinden, indem man ein langes Lineal anlegt und die Punkte verbindet.

Für den grünen Teil, bitte bedenken, die Hose ist höher geschnitten als heutige Hosen, vorn reicht die Hose ohne Rollbund etwa bis zum Bauchnabel.
Auf dem Papier erst einmal ein Rechteck nach Eurem Maß zeichnen, später an der Linie unterhalb von Po etwas einrunden.
Am Schnittmuster rundeherum an allen Teile 2cm Nahtzugabe zeichnen. Und das Schnittmuster aus schneiden.

Das Dreieck kommt später.

Ganz wichtig, zuerst eine Probehose fertigen. Als Stoff eine alte Bettwäsche o.Ä. verarbeiten, mindestens ein erstes Modell, landet in der Lumpenkiste.
- Das Schnittmuster auf den Stoff legen und ohne Zugabe ausschneiden. Die Zugabe haben wir ja schon eingeplant.
- Wir verbinden als erstes die kurvige Naht am Schritt, beide Teile auf einander legen. Am besten auf der Nähmaschine per großen Zickzack Stich nähen. Das ist elastisch, und kommt der späterer Torsberg Naht am Ähnlichsten.
- Nun das Po Viereck ein nähen.
- die Beine zusammen stecken, dabei am Fuß beginnen und sich hoch arbeiten. Etwa eine Handlänge unterhalb vom Po (es kann auch mehr sein) Beginnt das Dreieck, da wo man das Gefühl hat, hier fehlt was. Ab hier offen lassen.
Probehose aus ungeliebten Stoff


- Nun beginnen wir mit dem Dreieck.

Das müssen wir nun aus messen.
Nun ist ein Hilfsfaden eine große Erleichterung. ( Geometrie : wer kann aus dem Stehgreif heraus ein Dreieck zeichnen ? ) Der Faden kann ein Stück Wollfaden sein, oder eine Schnur, und braucht man 4 Stecknadeln.
Der Hilfsfaden wir an einem Punkt des Dreiecks an der Hose festgesteckt, genau in der Spitze. Nun den Faden bis zur nächsten Spitze führen, in der Spitze eine weitere Nadel fest stecken, bis zur 3ten Ecke und wieder zum Anfang. Dann Schnittmusterpapier oder Folie auf einen Untergrund stecken (Pinnwand, dicker Teppich o.Ä.) und das Dreieck mit Hilfe des Hilfsfadens und der Markierungen mit den Nadeln, darauf fest stecken.

Nachzeichnen und wieder an allen Seiten, 2 cm Nahtzugabe. Die Spitzen von Seiten 12/13 und 13/11 nicht auslaufen lassen.


Ausprobieren ob es in die Hose passt. Tut es ? Super !
- das Dreieck aus Stoff zu schneiden, einnähen.
- der Bund besteht aus der Summe der Maße 2 x Nr 1+ Nr 10 plus Nahtzugabe, die Höhe nach Bequemlichkeit, lieber erst mal zu viel als zu wenig einplanen. Denn später wird ein Gürtel mit dem Bund gerollt, das sieht dann ähnlich aus wie bei Obelix.

Nun wird es spannend ! Das erste Probetragen. Wenn die Hose passt, unbedingt hin setzen und auch in die Hocke gehen. Nichts gerissen ? Fein, dann kann man mit der guten Hose beginnen.
Passt nicht ? Nicht traurig sein, sie passt selten auf Anhieb. Meist muss man es mehrmals versuchen, bis alles richtig ist.

Die Anleitung zum nähen habe ich vor einiger Zeit schon einmal gepostet:
http://zeitensprung.blogspot.de/2015/04/hose-nach-dem-fund-vom-damendorf-moor.html

Quellen:
das Original in Schloss Gottorf  http://www.schloss-gottorf.de/ 


Karl Schlabow: Textilfunde aus der Eisenzeit in Norddeutschland 



Farke, H.: Ein zweitausendjähriges Bekleidungsstück nach der Präsentation in der Ausstellung. 
In: Textilmuseum Neumünster (Hrsg.): Archäologische Textilfunde - Archaeological Textiles. 
NESAT V. Neumünster 1994, S. 69-82.

Foto : http://www.fotosmax.lu/de-fotograf/

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Raufen oder Scheren ?

Im mittelalterliche Outfit unterwegs, höre ich immer wieder von der Generation die den WK2 erleben musste, wie hässlich ihre Wollkleidung gekratzt und gejuckt hat. Wolle sei scheußlich, man habe sie gehasst. An dieser Stelle kommen blumige Beschreibungen von langen handgetrickten Strümpfen und Leibchen.

Heutige Wolle egal ob Strickgarne oder Wolltuch, ist meist aufwendig aufgearbeitet, behandelt, und, oder hat Beimischungen, damit sie das nicht mehr tun.
Auch schon im Mittelalter hat mich sich geholfen. Die Schafe wurden mit unter, nicht geschoren sondern ausgerauft. Man nutze den natürlichen Fellwechsel im Frühjahr, wenn das Tier das Winterhaar abwirft aus, und raufte das Fell aus. Die Grannenhaare, die bei einer Schur im Fleece landen, verbleiben am Körper des Schafs. Grannenhaar ist dicker und härter, als die anderen Haare, sie sind es die piksen und jucken.

In einem sehr schönen Video über die Lendbren Tunika, sieht man ab Minute 4, wie ein Schaf gerauft wird. Ab Minute 4,55 sieht man das Schaf mit den Grannenhaaren.
https://www.youtube.com/watch?v=15IxF53AZfE&feature=youtu.be


Belege aus dem Mittelalter, gibt es sowohl für die Schur, als auch für das raufen. Die Verarbeitung von Textilien, und alles was damit zu tun hat, wie  die Vorarbeiten, oder die Endveredlung, war vielfältig.
Auf der Wurt Hessens/Nordeutschland lässt sich für den Zeitraum um 800 eine Anlage zum raufen von Schafen nachweisen.



Zur Vertiefung Literatur :
Die Ausgrabungen auf der frühmittelalterlichen Wurt Hessens in Wilhelmshaven
Autoren/Herausgeber: Anette Siegmüller

ISBN/EAN: 9783867573313

Mehr Infos zur Lendbren Tunika hat Marled auf ihrem Blog Archäotechnik zusammen gestellt :
http://textileflaeche.blogspot.de/2014/12/die-tunika-von-lendbreen.html
http://textileflaeche.blogspot.de/2014/12/nachste-uberlegungen-zu-lendbreentunika.html
http://textileflaeche.blogspot.de/2015/01/lendbreentunika-3-die-ersten-zentimeter.html